Bild: Anika Werner
Ausflugstipp

Zu Besuch bei Inge Meysel, einem König und einem Pornostar

Auf dem Friedhof in Hamburg Ohlsdorf kommen sie alle wieder zusammen: Mütter, Väter, Nachbarn, Geschäftsleute und Prominente. Eine browsergeführte Tour führt zu den Promis von damals und heute.

„Bloß kein Remmidemmi!“ Das sollen die Worte von Schauspielerin Inge Meysel gewesen sein, als sie sich ihre Beerdigung ausmalte. Entsprechend sieht ihr Grabstein aus. Auf der grauen Platte steht einfach nur ihr Name und der ihres Mannes. Kein Geburts- oder Sterbedatum. Nicht einmal ihr Titel „Mutter der Nation“. Unten rechts an der Liegeplatte liegt ein kleiner, einlaminierter Zettel. Besucher mögen doch bitte ihre Blumen gießen, wenn diese trocken scheinen. Inge dankt. Diesen letzten Wunsch erfüllen ihr die Besucher des Grabes offensichtlich. Die Platte ist gesäumt von kräftig blühenden Begonien.

Viele Prominente liegen auf dem größten Parkfriedhof der Welt mitten in Hamburg. Bei der kostenlosen Tour „Promis im Park“ auf lialo.com spazieren Besucher an einigen Gräbern von Prominenten oder vielleicht auch nicht mehr Prominenten vorbei. Sie erfahren von den Werken der Verstorbenen, deren Erfindungen und Anekdoten. Ganz gemütlich spazierst du die drei Kilometer in zwei Stunden ab.

Auch gerätselt wird auf der Tour, wie beispielsweise am Grab von Otto Witte. Hier raten die Besucher, wie lange Otto Witte der König von Albanien war. Wer die richtige der vier Antwortmöglichkeiten auswählt, liest anschließend diese Geschichte: Otto Witte ist im Zirkus groß geworden. Statt lesen und schreiben lernte er zaubern und viele Sprachen auf seinen Reisen durch Europa. Als Albanien seine Unabhängigkeit von der Türkei erklärte, war er gerade dort. Es wurde ein Prinz erwartet, der zum albanischen König gekrönt werden sollte. Otto Witte sah dem Prinzen sehr ähnlich und gab sich als ebendieser in seiner Schaustelleruniform aus. Als König vergnügte er sich im Harem, bis sein Schwindel aufflog und er fliehen musste. Das war zumindest die Geschichte, mit der er in den 1920er Jahren auf den Jahrmärkten sein Geld verdiente. In Albanien wurde sie allerdings nicht bestätigt. Dennoch stand in seinem Pass „König von Albanien“ als Künstlername, wie auch jetzt auf seinem Grabstein.

Zu Fuß durch den größten Parkfriedhof der Welt

1,4 Millionen Beisetzungen gab es in Ohlsdorf seit der Eröffnung 1877. Ebenso viele Besucher pilgern jährlich durch den 389 Hektar großen Park. An den Teichen sitzen Familien und beobachten die Enten. Jugendliche schlendern durch die Straßen. Busse fahren insgesamt 22 Haltestellen an. Gästeführer machen auf besondere Grabstätten, Skulpturen und Prominente aufmerksam.

Auf der Tour erfährst du Interessantes zu einigen der Skulpturen. Auf einem Sockel stehen zum Beispiel zwei Menschen, den Rücken zum Weg. Der Größere symbolisiert das Schicksal und hat den Kleineren buchstäblich fest im Griff. Das Schicksal umklammert den Arm des Menschen, es gibt kein Entrinnen. Doch an der Achselhöhle der Skulptur hängt ein Wespennest. Emsig fliegen die kleinen Tiere zu den Rhododendrenbüschen und sammeln Nektar. Insgesamt ist der Friedhof viel mehr von Leben geprägt als erwartet. Bunte Libellen sausen die Wege entlang, Vögel zwitschern, Eichhörnchen klettern und Enten schwimmen durch den großen Park.

Nach dem Besuch der Grabstätten von Johannes Brahms, Inge Meysel, dem Erfinder der Schwimmflügel und weiteren Prominenten und bekannten Geschäftsleuten aus den vergangenen Jahrhunderten, landen die Spaziergänger der Tour schließlich am Grab von Pornostar „Sexy Cora“, die eigentlich Carolin Wosnitza hieß und bei einer Brustvergrößerung im Alter von nur 24 Jahren an Herzstillstand starb.

Schulter an Schulter liegen hier manche Menschen anonym, andere haben ein großes Mausoleum. Einige liegen allein, andere sind hier mit ihrer ganzen Familie und sogar mit ihren Haustieren vereint. Wieder andere liegen hier, die eigentlich woanders begraben wurden. Ganz egal, ob Kind, Hausfrau, Mutter der Nation, König oder Pornosternchen. Auch egal, ob tot oder lebendig. Auf dem Friedhof in Ohlsdorf findet jeder seinen Platz.

das historische Verwaltungsgebäude des Parkfriedhofs (Bild: Anika Werner)

Öffnungszeiten

Der Park ist an jedem Tag geöffnet, auch an Sonn- und Feiertagen. Das Beratungszentrum im historischen Verwaltungsgebäude ist von Montag bis Donnerstag von 9 bis 16 Uhr, freitags bis 15 Uhr geöffnet. Hier erhältst du auch Flyer zu weiteren Führungen, Übersichtskarten und weitere Informationen.

Weitere Infos findet ihr hier:

So kommt ihr hin:

Vom Hauptbahnhof braucht die S1 eine halbe Stunde zur Haltstelle Ohlsdorf. Zu Fuß sind es dann noch fünf Minuten bis zum Haupteingang und Startpunkt der Tour.
RE3, RB31, RE4, RB41
Hamburg

Anika Werner vom metronom

Anika genießt das Landleben in Radbruch. Am liebsten erkundet sie mit ihrer Familie und den Hunden Dexter und Didi die Natur oder bestaunt auf Städtetrips Architektur und Geschichte.

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